Gefangene

Seelsorge in Gefängnissen

Pfarrer Michael Diezun
Evangelischer Seelsorger in der Justizvollzugsanstalt Remscheid-Lüttringhausen ist

Tel.: 02191- 595 425

E-Mail: michael.diezun@ekir.de

"Das Wort „Gefängnis“ lässt keinen gleichgültig. Selten wird darüber sachlich gesprochen. Oft mit Schaudern. Oder mit Angst. Oder Wut. Was dort wirklich passiert, wissen wenige. Viele wollen es auch gar nicht wissen. „Hauptsache die Mauern sind hoch und sicher – und wir haben damit nichts zu tun!“

Mir ist das deutlich geworden, als ich eine Andacht für den Lüttringhauser Anzeiger zum Buß- und Bettag schrieb:

Ein ganzer Tag, um zu büßen und zu beten?

Lüttringhauser Anzeiger, 19.11.22

Wahrscheinlich stimmen einige zu, wenn ich sage, dass mir als Seelsorger im Gefängnis der Buß- und Bettag wichtig ist:


„Na klar, die Gefangen sollen büßen, deshalb sitzen sie im Gefängnis.“


Vielleicht ist es im Gefängnis leichter über Schuld und Buße zu reden als draußen in der Freiheit. Dabei kennt jeder das Gefühl, wenn er oder sie mit einer

Beurteilung von Vorgesetzten konfrontiert wird und es in einem rumort:


„So richtig und wirklich alles, was ich geleistet habe und wie ich bin, ist nicht wahrgenommen.“


Und im Streit mit Freunden, fühlt man sich noch schneller falsch beurteilt:


„Der versteht, der kennt mich gar nicht – und trotzdem urteilt er über mich!“


Den Gefangenen geht es ähnlich. Zwar hat mit dem Urteil ein Gericht die Schuld festgestellt, aber das Gericht stellt EINE Wahrheit fest. All das, was man denkt und fühlt:


„Ich habe das nicht gewollt; ich bin da doch nur reingeraten; warum sehen die nicht, was die anderen gemacht haben; das war doch ganz anders.“


Das sind Versuche sich zu verteidigen. Vor Gericht hat jeder das Recht sich zu verteidigen. Aber wenn das Urteil gefallen ist, schwarz auf weiß, im Namen des Volkes, spielt diese subjektive Wahrheit keine Rolle mehr.


Dabei wäre es so gut, wenn es einen Ort gäbe, an dem man seine eigene Sicht der Dinge darlegen könnte – ohne sich verteidigen zu müssen. Wenn man sich nicht verteidigen, nicht Deckung hinter Mauern suchen muss, dann könnte man auch sagen, was man tatsächlich gemacht hat, ja, falsch gemacht hat. Und dann würde das Falsche einem leidtun.


Man brauchte einen Ort, wo man so sein könnte wie man wirklich ist. An dem man nicht fürchten muss, für das Falsche und Böse, verdammt zu werden.


Die Gefangenen, die am Buß- und Bettag in den Gottesdienst gehen, suchen genau das: Dass einer ihnen zuhört, ihrer Stimme im Herzen und den Gedanken ihres Verstandes. Dass sie das Falsche und Böse nennen können. Sie haben eine Ahnung, dass Gott ein strenger Richter ist. Aber sie vertrauen darauf, dass er gerecht ist. Und dass er auch das Gute sieht. Und dass er in mir die Kraft pflanzt, damit das Gute die Oberhand gewinnt.


Ich vermute, dass man diese Erfahrung nicht nur im Gefängnis braucht.


Bleiben Sie Gott befohlen!

Michael Diezun

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